Schulprobleme in Ballungszentren, Landflucht, Stadtflucht und Bevölkerungsrückgang
 

Bildungsportal Schulkritik

 

Bausünden von gestern und Landflucht von heute

Ursachen der Bildungsmisere (Teil 3)

Die „Evolution des Homo sapiens zum Homo urbanus“ (Tibaijuka) ist ein europaweiter Trend.

In den wachsenden Ballungszentren verstärken sich die bekannten Schulprobleme.

 

Die Gründe für den schlechten Bildungserfolg der deutschen Schüler sind aus den täglichen Meldungen der Medien bekannt:

Eine Vielzahl unterschiedlicher Argumente nennt die Schüler selbst, ihre Eltern, Lehrer und Schulleiter, Politiker, Gesetze und Bürokratismus, Mangel an Kontrolle und Zivilcourage, Schulsystem und Lehrpläne, Studium und Lehrermangel, Integration und Migranten, Geschlecht und Motivation, Erziehung und Sozialisation, Verfall von Sitte und Moral, zu wenig oder zu viel Autorität bis hin zu Computerspielen, Gewaltdarstellungen und MacDonalds – und dies ist nur ein Teil der derzeit diskutierten Auswahl. Über eine der Hauptursachen, die Bau-Sünden der Schulträger, wird dagegen nur selten berichtet.

Lehrer

Auf die Probleme der Schüler und Eltern wurde in Teil 1 und 2 schon eingegangen. Doch wie steht es mit den Lehrern? Die starken Lehrerverbände und Gewerkschaften vertreten die Interessen ihrer Mitglieder. Deren Wünsche sind bevorzugte Wohnlagen, die sich aufgrund der besseren Lebensqualität in den Städten und Ballungszentren befinden. Das Wohnen ist hier zwar teurer, doch mit einem Lehrergehalt durchaus erschwinglich. Ähnlich wie die Ärzte wollen auch die meisten Lehrer nicht „auf’s Land”. Die Folge: „Unerwünschte” Lebensqualitäten und längere Fahrzeiten in die Provinz sind einer überschaubaren Zahl an Lehrern (überwiegend motorisiert mobil) nicht zuzumuten. Stattdessen werden hunderte von Schülern gezwungen, verlängerte Schulwege und Fahrzeiten (in der Regel mit öffentlichen Verkehrsmitteln) zu akzeptieren.

Eigentlich müßten auch die Lehrer kleine Schulen und kleine Klassen bevorzugen. Dennoch nehmen sie erhöhten Stress und Lärm an anonymen Massenschulen in Ballungsräumen ohne gezielten Widerspruch in Kauf. Die Mahnung des Bundespräsidenten im Juli 2007, Lehrern bessere Arbeitsbedingungen zu bieten, wurde allseits eifrig abgenickt, aber sofort vergessen. Man sollte seine Worte noch einmal in Erinnerung rufen: „Dazu gehören auch angemessene Klassengrößen, fachliche und menschliche Unterstützung, die Einbindung der Schule in ihr gesellschaftliches Umfeld – und nicht zuletzt auch Wertschätzung und Anerkennung.“ Es folgte seine vielzitierte Einschätzung der Lehrer als „Helden des Alltags”. Und Horst Köhler meinte ausdrücklich die „leistungsbereiten und engagierten” Lehrer!

Doch wo sind die „engagierten Helden”? Wie wär’s mit einer breit angelegten Solidarisierung der Lehrer mit ihren Schülern, um bessere Arbeitsbedingungen für die einen und bessere Lernbedingungen für die anderen durchzusetzen? Unterstützung von Schulkritik wird zugesichert!

Landflucht

Daß Lehrer weniger gerne in der Provinz arbeiten, ist natürlich nur ein Aspekt im vielschichtigen Wirkungsgefüge und auch die Folge regionaler Bevölkerungsströme, welche im historischen Rückblick mal in die Städte und dann auch wieder ins Umland drängten. Die Gründe waren jeweils verschieden: „Stadtluft macht frei” hieß es im Mittelalter. Als die Stadtmauern nicht mehr schützten und es zu eng wurde, zog man vor die Mauern oder wegen der besseren Nahrungsversorgung ins weitere Umland. Bei jedem Wirtschaftsaufschwung ging es dann zurück in die Städte und als es dort erneut zu eng, zu laut und schmutzig wurde, sehnte man sich wieder nach dem „Häuschen im Grünen”. Mit steigendem Wohlstand wurde das Auto für alle Bevölkerungsschichten zum Gebrauchsgegenstand und Entfernungen spielten eine nur noch untergeordnete Rolle.

Bei gestiegener Mobilität und verbesserten Verkehrsverbindungen konnten den Bürgern jetzt auch längere Entfernungen zugemutet werden, um staatliche Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen. In den ländlichen Bereichen wurde der Bürger-Service immer mehr verringert – eine Entwicklung, die weiterhin andauert. Als Folge davon müssen in ländlichen Gebieten wohnende Bürger heute sehr viel längere Strecken als früher zurücklegen, um die zunehmend stärker zentralisierten Behörden, Finanz- und Straßenverkehrsämter oder auch nur Poststellen zu erreichen. Und die wichtigsten Fragen junger Familien (auch Lehrer-Familien!) auf Wohnungssuche lauten: „Wo ist die nächste Schule. Wie weit müssen unsere Kinder laufen oder fahren? Wie lange sind sie unterwegs? Wo ist die nächstgelegene weiterführende Schule?“

In den letzten Jahren hat sich der Trend vom Land- zum Stadtleben verstärkt. Hauptgründe sind die Einschränkung der Mobilität durch unsichere Energieversorgung und die Nähe zu Schule, Arbeitsplatz, kulturellen Einrichtungen, Einkaufs- und Behördenzentren. Auch viele ältere Leute tauschen jetzt ihr Landhaus gegen eine Eigentumswohnung in der Stadt. Wirtschafts- und Dienstleistungs-Unternehmen, denen auf dem Land die Kunden abhanden kommen, müssen ihnen folgen. So werden ursprünglich gesunde Landgemeinden nach und nach zunächst in „Schlafdörfer” und schließlich in „Geisterdörfer” umgewandelt, wie sie schon heute in Mecklenburg-Vorpommern zu besichtigen sind.

In den Ballungszentren bemüht man sich, dem verstärkten Zuzug mit weiterer Zentralisierung zu begegnen und neues Bauland zu erschließen, aber auch vorhandene Schulen im Stadtbereich zu vergrößern oder neue Schulzentren einzurichten.

Chancengleichheit?

Auch im Bildungsbereich scheint der Wettbewerb zwischen Stadt und Land zugunsten der Stadt entschieden zu sein. Befürchtet wird nun die Gefahr der „Zwei-Klassen-Bildung” mit einem „Stadt-Land-” wie auch „West-Ost-Gefälle”. Bildungsbenachteiligung wurde in Deutschland in verschiedenen Studien (u. a. IGLU, PISA und 2006 durch den UN-Sonderberichtserstatter Munoz) festgestellt. Sie betrifft in erster Linie Kinder von sozial schwachen Schichten, Arbeiterkinder und Migranten – ein weiteres Bildungsgefälle besteht auch innerhalb der Städte. Besonders bemerkenswert (auch mit Hinweis auf die beiden ersten Teile dieses Artikels): die Chancen sind in den Ballungsräumen (Städte über 300.000 Einwohner) am schlechtesten!

 

Bevölkerungsrückgang

Bis 2040 sollen in Deutschland zehn Millionen, bis 2060 zwanzig und bis 2080 dreißig Millionen Menschen weniger leben als heute. Dies hat gravierende Auswirkungen auf die Verteilung der Bevölkerung: Landflucht – schon derzeit ein Problem – dürfte sich noch weiter verstärken.

Einer der Gründe ist die in den letzten Jahrzehnten großzügig ausgebaute Infrastruktur in ländlichen Gebieten. Bei abnehmender Bevölkerungszahl ist z. B. der Verschleiß von Wasserleitungen wegen Unternutzung höher, Klärwerke (oft überdimensioniert) arbeiten unwirtschaftlich und die Kosten für Energie- und Fernwärme werden auf immer weniger Einwohner umgelegt, wodurch die Preise für den einzelnen in schwindelnde Höhe steigen.

Städteplaner und Politiker sehen einen Ausweg aus der Kostenfalle allein in einer Rückwanderungs--Bewegung aus den Randzonen und ländlichen Gebieten in die Städte. Die Auflösung weiterer Schulen im Umland der Städte ist absehbar.

In den Ballungsräumen erfordert die Zunahme der Bevölkerung den Bau von neuen Schulen. Bisher gilt hier noch immer: „Möglichst groß!” – Ist es schon zu spät, ein Umdenken zu fordern und viele kleine Schulen mit kleinen Klassen zu errichten oder an den vorhandenen großen Schulen weniger Schüler zu unterrichten?

 

Stadtflucht?

Stadtflucht ist in der Geschichte der Menschheit mehrfach überliefert. Hauptgründe waren schon in Babylon (600 v. Chr.) und Rom (nach der Zeitenwende) neben städtischem Lärm und Dreck vor allem Schwierigkeiten bei der Versorgung mit Wasser, Lebensmitteln und Energie.

Da Land- und Stadtflucht schon mehrmals wechselten, dürfte es nicht auszuschließen oder sogar wahrscheinlich sein, daß sich der jetzige Trend der Landflucht irgendwann auch wieder umkehrt (die letzte „Stadtflucht”-Welle begann etwa 1965 und dauerte rund 40 Jahre).

Denkbare Gründe: z. B. Fehler in der Prognose des Rückgangs der Geburtenrate; Wohnraumpreise in den Städten, Schwierigkeiten bei der Energie- und dadurch auch der Nahrungsversorgung (Transport- und Kühlprobleme), zentrale Wasserversorgung, Verbreitung neuer (Infektions-) Krankheiten im „globalen Dorf”, Naturkatastrophen oder Krisen der Weltwirtschaft. Derzeit veröden auch einige Städte im Osten Deutschlands aufgrund von Abwanderung.

Doch die „Evolution des Homo sapiens zum Homo urbanus“ (Anna Tibaijuka, UN-Habitat-Programm) ist nicht auf ländliche Gebiete Deutschlands begrenzt, sondern ein europaweiter Trend. Wir dürfen somit zuversichtlich darauf hoffen, daß unsere europäischen Nachbarländer eine brauchbare Lösung finden werden – und die deutschen Bildungspolitiker sich daran orientieren können. wird fortgesetzt

pdf / A105 / 16.10.08



www.schülerkritik.de (16.10.08)

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