| Die
Auflösung kleinerer Schulen zugunsten von großdimensionierten
Schulzentren mit bis zu 3.000 Schülern gehört
dazu. Als Vorteile
solcher Massenschulen werden u. a. genannt: eingesparte
Unterhaltungskosten der nicht mehr benötigten
Schulgebäude, Möglichkeiten einer gerechteren
Verteilung der Lehrkräfte und eines breiteren
Angebots an Fächern, Raum (Aula) und Lehrmaterial
(früher Sprachlabor und Bibliothek; heute auch
Computer und naturwissenschaftliche Einrichtungen).
„Kinder
haben zu wenig Zeit für ihre Väter”
Doch nur oberflächlich
gesehen erscheint der sparsame Umgang mit den Steuergeldern
lobenswert. Zentrale Schulzentren entlasten den Schulträger,
während die Eltern schulpflichtiger Kinder finanzielle
Mehrbelastungen in oft erheblichem Umfang aufbringen
müssen. Zwar werden Fahrtkosten bis zum Ende
der Mittelstufe von der öffentlichen Hand übernommen
– sollte ein Schüler aber Lust auf noch
mehr Bildung verspüren, auf eine weiterführende
Schule wechseln wollen oder gar das Abitur anstreben,
wird in zahlreichen Bundesländern zur Kasse gebeten:
die gesamten Fahrtkosten haben dann allein die Eltern
zu tragen!
Betrachtet man das Größenwachstum
markt- und volkswirtschaftlich, handelt es sich in
den meisten Fällen um keine Einsparung, sondern
um die Verlagerung von Kosten des Schulträgers
direkt auf den einzelnen Bürger – was nicht
selten mit insgesamt erheblichen Mehrkosten und weiteren
Nachteilen verbunden ist. Die Wege sind nun insgesamt
länger: Schüler, die ihre Schule ehemals
zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichten, müssen
zu einem zentralen Schulzentrum mit öffentlichen
Verkehrsmitteln anreisen (Umweltbelastung, erhöhter
Energieaufwand). Die für Lernen und Freizeit
zur Verfügung stehende Zeit wird eingeschränkt.
Steht eine Umwandlung in Ganztagsschulen an, müssen
Schüler in den eilig hinzugebauten Kantinen –
an welche früher noch niemand dachte –
auch noch verpflegt werden. Nach Hause kommen sie
oft später als ihr Vater von seinem Arbeitsplatz.
So wandelt sich dann auch das Vorurteil, Väter
hätten zu wenig Zeit für ihre Kinder: Kinder
haben nun zu wenig Zeit für ihre Väter!
Ausgaben
für „Bildung“
„Mehr Geld für Bildung“
wird überall verlangt und überall gewährt.
Zu erwarten wäre eine – den Ausgaben entsprechende
– Steigerung der Qualität von Bildung und
Ausbildung bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen
in Schulen, Hochschulen und Beruf. Doch diese ist
noch nicht erkennbar.
Ein großer Teil der „Bildungsausgaben“
wird für Bau- und Umbaumaßnahmen von großdimensionierten
Schulzentren verwendet – womit Bemühungen
um eine bessere Bildungsqualität nicht gefördert,
sondern geradewegs behindert werden. Politiker erregen
sich über Anonymität, Werteverlust, Sittenverfall
und zunehmende Gewalt. Doch was im Wohnungsbau aus
gerade diesen Gründen längst verpöhnt
ist, wird den Schülern noch immer zugemutet:
Erkenntnisse über Sozialverhalten
und Aggressivität in räumlicher Enge
(in Teil 2) finden kaum Beachtung.
Von zentraler Bedeutung sind
in diesem Zusammenhang auch die mit dem Bevölkerungsrückgang
und der Landflucht zusammenhängenden Probleme
(siehe Teil 3: Bausünden
von gestern und Landflucht von heute). |
„Schwarzer
Peter”
Die Behebung
des deutschen Bildungselends ist schwierig,
weil zahlreiche Ursachen gleichzeitig wirken
und das Gesamtproblem durch einzelne Maßnahmen
nicht zu lösen ist. Überlagert wird
das Ganze durch eine Vielzahl von Forderungen
und Ablenkungs-Maßnahmen, die zu keinen
oder nur geringen Verbesserungen führen.
Sind unangenehme
oder teure Aufgaben zu erledigen, ist es sinnvoll,
diese in ein großes Netz von Hierarchien
und Zuständigkeiten zu übertragen.
So kann der „Schwarze Verantwortungs-Peter”
hin und her geschoben werden.
Eines der
Beispiele sind jene Bestimmungen und Richtwerte
(„Mindestzügigkeiten”), die
Schul- und Klassengröße festlegen.
Übergeordnete Behörden (zumeist Regierungspräsidien)
wachen dann unter Aufsicht der Finanzverwaltung
(Landesrechnungshof) darüber, daß
die Landkreise alle Potentiale zum Einsparen
und alle Möglichkeiten zur Einnahmeverbesserung
ausschöpfen. Nicht nur die Landkreise (sie
sind zumeist auch Schulträger) werden so
in ihrem Handlungsspielraum beschränkt,
sondern vor allem auch die (künftig „eigenständigeren”)
Schulen selbst. Im Grunde geht es also nicht
um optimale Förderung der Bildung, sondern
nur ums Geldsparen!
Wichtigste
Kriterien für die Festlegung der Schul-
und Klassengröße sind technisch-organisatorischer
Art (z. B. die räumliche Verteilung der
Lehrer). Dagegen spielen Verhaltensbiologie,
optimale Förderung der Schüler, Erhöhung
des Bildungserfolgs (Schul- und Klassengröße)
oder die Herstellung von Bildungsgerechtigkeit
(Stadt/Land) nahezu keine Rolle – ebenso
wie bei den Baumaßnahmen der Schulträger!
Es ist ja
so bequem, solche Vorschriften und Auflagen
einfach abzuhaken und ebenso dreist, sich auch
noch damit aufzublasen: „Bildung ist uns
das wert” (Zeitungsauschnitt oben). |
pdf
/ A103 / 16.10.08 |